Vor einiger Zeit hatte ich über die Fünf Schwachpunkte von Scrum gebloggt. Am Ende des Artikels hatte ich versprochen, mir Gedanken darüber zu machen, wie man diese Schwierigkeiten besser meistern kann. Mein erstes “Scrum-Schwachstellenthema” ist heute die Sprintdauer. Eingangs möchte ich noch einmal kurz erläutern, was denn nun an der Sprintdauer so schwierig ist und wieso es meiner Meinung nach eine Schwachstelle ist.

In vielen Fachblättern und Artikeln wird eine Sprintdauer von 30 Tagen (4 Wochen) vorgeschlagen. Manchmal findet man auch 2-4 Wochen als empfohlene Sprintdauer. In jedem Fall aber sollte die Sprintdauer stabil über Sprints hinweg bleiben.

Mein Einwand: Die Sprintdauer ist eine Schwachstelle in Scrum. Besser gesagt: lange Sprintzyklen sind eine Gefahrenquelle für den Erfolg von Scrum-Teams. Denn gerade lange Sprintzyklen sind für die meisten Teams der erste große Fallstrick. Die meisten Teams, die mit Scrum beginnen, fangen mit langen Sprints von 4 Wochen und z.T. sogar mehr an. Schwierig in mehrfacher Hinsicht, denn dadurch berauben sie sich eigenmächtig der Vorteile agiler Verfahren. Die Flexibilität wird eingeschränkt, die Feedbackschleife des Inspect & Adapt wird verlängert und dem Team wird hohe Planungskompetenz bzw. -verantwortung aufgebürdet.

Was kann man tun um diesen Risiken entgegenzuwirken? Ganz einfach: Kurze Sprints! Mit kurzen Sprints meine ich auch kurze Sprints. Aus meiner Sicht ist die ideale Sprintdauer eine Woche lang. Ja, richtig gelesen, nur 5 Werktage! Jede Woche Planung, jede Woche Review, jede Woche Retro.

Daily Scrum, Weekly Sprint

Was erreicht man dadurch? Zunächst einmal schafft man durch so eine kurze Sprintdauer eine hohe Planungsfrequenz. Das ist für fast alle Beteiligten nur von Vorteil. Der PO hat hohe Flexibilität, während das Team einen sehr überschaubaren Planungszeitraum hat. Das Team geht genauer auf die Stories und das Design ein, bricht in der Planung genauer Tasks auf. Dadurch ergeben sich quasi automatisch verbesserte Schätzung und stabiles Commitment. Das wiederum stärkt die Vorausplanung und Releaseabstimmung auf der Product Owner-Seite.

Ein-Wochen-Sprints bedeuten aber auch schnelleres Inspect & Adapt. Jede Woche gibt es eine Retrospektive, das wichtigste agile Gremium in Scrum. Jede Woche eine Retrospektive zu haben ist ein wenig wie “und wöchentlich grüßt das Scrumeltier” – es kommen Anfangs immer wieder die gleichen Themen ins Gespräch. Das liegt vor Allem daran, dass es viel einfacher ist, wöchentlich “inspect” zu betreiben, als effektiv “adapt” durchzuführen. Doch genau das ist das schöne am schnellen, wöchentlichen Sprint-Puls. Es wird die Agilität förmlich “antrainiert”. Das Team lernt wesentlich schneller, wirklich zu adaptieren, anstatt es irgendwie auf die lange Bank zu schieben.

“Accelerate” für eine gute “Velocity”

Ein nicht ganz auf den ersten Blick erkennbarer Vorteil der Wochensprints ist der schnelle “Ramp-up” des Teams zur stabilen Velocity. Während ein Team mit 4-Wochen-Sprints nach den ersten 3-5 Sprints (also nach 3-5 Monaten!) erst so halbwegs stabile Produktivität und Schätzkompetenz aufweisen kann, gelingt einem Team mit Wochensprints nach der gleichen Sprintzahl (also nach 3-5 Wochen) noch mehr. Ergo: Ein zügiges Teaming wird erreicht.

Gerade Wochensprints haben meiner Meinung nach die Bezeichnung “Sprint” verdient. Denn wöchentliche Iterationen “fühlen” sich nicht nur wie ein Sprint an, sondern sind auch so intensiv und ergiebig wie ein Sprint. Das liegt nicht nur am höheren Takt, sondern auch an einer ganz lapidaren Tatsache: Die Arbeitswoche.

Unsere gesamte Lebens- und Arbeitskultur tickt in diesem “Wochentakt”. Viele denken, planen und organisieren in Wochenzyklen. Das kommt auch dem wöchentlichen Scrumsprint zu Gute. Teams mit Wochensprints kommen mit dem Wochentakt “einfach besser zurecht” – wissentlich oder unwissentlich. Höchstwahrscheinlich ist dies dem Fakt geschuldet, dass die gesamte Arbeitswelt sich an diesem Takt orientiert. Egal ob nun Scrum oder nicht, die Kalenderwoche ist und bleibt eine präsente Zeiteinheit, die für Planung, Vereinbarung und Organisation angewendet wird.

Kurz und Knackig

Bei all den Vorteilen, die eine kurze, nach meinem Ermessen am Besten wöchentliche Sprintdauer hat – es gibt auch hier wieder einige Dinge, die man vor der Einführung oder beim “Sprinten” beachten sollte. Ein allgemeiner Fallstrick kann es werden, die Planung des Sprints auf den Montag zu legen, und die Retrospektive auf den Freitag. So wie es bei klassischen Jour-Fixe Meetings zum guten Ton gehört Planungsgespräche an das Ende der Woche zu legen, ist das bei Wochensprints auch förderlich. Eine mögliche Variante wäre es, die Planung auf den Freitag zu legen und Review/Retro auf Montag.

Damit ist der nächste Achtungspunkt schon implizit genannt: Nicht versuchen, alle “Scrum-Meetings” in einen Tag zu quetschen. Ganz im Gegenteil, die Planung kann Freitag vormittags erfolgen. Der Nachmittag ist reserviert für Konzentrationsarbeit, Tageskommunikation, Vorbereitung des Boards und des Reviews / Retro’s.

Montag ist vormittags “Tabu” – denn genau dann befindet man sich in der “Twilight Zone”. Ende des letzten Sprints oder Anfang des nächsten Sprints – schon durch die Planung oder noch im Review – noch Montagsmüde oder schon im Tatendrang – ein Montag Morgen eben. Der späte Nachmittag kann dann nach dem üblichen Daily für die kurze Review/Retro investiert werden. Bei Wochensprints ist eine 4 stündige Planung angemessen, eine Review/Retro von einer Stundes komfortabel ausreichend.

Fazit: Kurz & Knackig – das ist die bessere Sprintdauer in Scrum!
Es gibt natürlich noch mehr Aspekte als die aufgeführten, um zu einer ausgewogenen Sprintdauer für sein Team zu kommen. Für mich bleibt jedoch die in den meisten Fällen zutreffende Erkenntnis: Kurz & Knackig ist besser als Lang & Weilig. Was denken Sie? Ihre Meinung ist gefragt!

Comments
This article has 5 comments:

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

  • [...] für mein...
    by .NET Stories: Digitale Erfahrungen » Blog Archive » Scrum: Der bessere Scrum Master
    on June 25th 2010

    [...] für mein Verständnis erfolgreicher zu implementieren. Das habe ich für das Thema “bessere Sprintdauer” schon getan, und damit widme ich mich heute einem ganz besonderen „Schwachpunkt“ – dem [...]

  • Da wir es...
    by Dominik Jungowski
    on March 27th 2010

    Da wir es auch selber schon erlebt haben, weiß ich dass es passieren kann, dass man im Review Meeting feststellt, dass etwas noch nicht fertig ist. Dies kann mehrere Gründe haben:
    1. Das Team hat sich nicht an seine eigene Definition of Done gehalten und das Ding hat noch Bugs
    2. Das Team hat die Definition nicht vernünftig gelesen und nicht das programmiert, was gewünscht war. Normalerweise wird man während dem Erstellen irgendwie mit dem Auftraggeber im Dialog sein, das ist aber nicht immer möglich.
    3. Der Auftraggeber ist (aus welchen Gründen auch immer! Von mir aus brutzelt er sich genau in der Woche in der Sonne auf Tenerifa) vielleicht bis zum Review Meeting nicht erreichbar und stellt dann im Review Meeting fest, das 2. eingetreten ist und nimmt das Ding nicht ab.
    4. Der Product Owner ist bis zum Review Meeting nicht erreichbar (er ist vielleicht gerade auf Aruba) und stellt dann fest, dass 2. eingetreten ist.

    Gut, mit dem Release lässt sich streiten. Bei uns handelt es sich beim Produkt halt um eine Webseite und warum sollte ich da Dinge programmieren, die ich dann nicht Release? Ganz davon zu schweigen, dass in dem Fall das Verschieben eines Releases das Risiko erhöht. Zugegeben, es gibt sicherlich Fälle, wo man nicht jede Woche zu releasen braucht. Bei Webseiten – Features macht es aber nur Sinn.

    Übrigens sollte dein Produkt nicht nur am Ende vom Sprint “potentially shippable” sein, sondern jeden Tag!

  • @Dominik: Warum sind...
    by Ilker Cetinkaya
    on March 27th 2010

    @Dominik: Warum sind denn bei Dir die Gremien so “festgezurrt”? Also, z.B. bemerkst Du erst im Review, dass etwas nicht 100% fertig ist? Das kann ich mir nicht vorstellen.

    Zu der Sprintdauer: Ähem, wer sagt Dir denn, das Du nach einem Sprint ein Release machen musst? Du selbst? Dein Management? Es geht um das “potentially” shippable product, welches nach einem Sprint vorliegen soll. So habe ich das zumindest verstanden.

  • Zunächst einmal stimme...
    by Dominik Jungowski
    on March 27th 2010

    Zunächst einmal stimme ich Heiko zu, was die Reihenfolge Review -> Retro -> Planning angeht und ich finde es auch wichtig, diese Reihenfolge einzuhalten. In der Retrospective werden Fehler angesprochen und um sie im nächsten Sprint nicht zu wiederholen (es können ja auch Fehler der Planung sein), macht man Retrospective eben vor dem Planning. Ebenso Review: Stellt man fest, dass es etwas doch nicht fertig gestellt wurde (aus welchem Grund auch immer), so kommt’s wieder ins nächste Planning Meeting, machst du das Planning vor dem Review beraubst du dich dieser Möglichkeit.

    Über die Sprintdauer 1 Woche kann man streiten, ich finde immer noch jedes Team sollte für sich selber entscheiden, womit es am besten zurecht kommt. 1 Woche Sprint bedeutet im Umkehrschluss auch, dass du jede Woche Release hast – wofür bei uns locker ein Tag drauf geht. Abgesehen davon, dass ich schlicht und ergreifend keine Lust habe, jede Woche zu releasen (um auch mal ehrlich zu sein), ist jeden Woche 1 Tag auf ein Release zu verwenden einfach zu viel. Mag sein, dass nicht jeder einen ganzen Tag braucht, bei uns ist dies aber nunmal der Fall.

  • Hallo, ich bin auch...
    by Heiko Stapf
    on March 4th 2010

    Hallo,

    ich bin auch ein Freund von Kurz und Knackig (kleine Sprints, kleine Stories, kleine Teams). Allerdings muss eine Woche nicht für jede Umgebung die ideale Lösung sein. Das Team sollte innerhalb dieser Zeit substantielle Fortschritte erzielen können. Es kann durchaus Umgebungen geben, wo das nicht möglich ist -> Sprintlänge entsprechend länger.

    Ein Detail: ich kenn die Reihenfolge Review -> Retro -> Planning. Also Retro vor dem Planning, damit Erkenntnisse aus der Retro im Planning mit aufgegriffen werden können.

    Viele Grüße
    Heiko Stapf


(c) 2000-2012 ilker.de - Creative Computing.

For any case of inquiry regarding this document, you can always contact the website owner.